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30. Mai 2022

Biokraftstoffe in der THG-Quote: Nicht so nachhaltig wie gedacht

Die Treibhausgasquote ist mehr als nur eine Prämie

Biokraftstoffe werden zur Treibhausreduktion im Verkehr von der Bundesregierung gefördert. Auch mit der THG-Quote. Mineralölkonzerne können die Treibhausgasquote nicht nur durch gekaufte Zertifikate von Elektroautohalter*innen erfüllen, sondern auch über das Beimischen von Kraftstoffen aus Nahrungs- und Futtermitteln im Sprit. Wieso das auch problematisch sein kann und Biokraftstoffe nicht nur schlecht für die Umwelt, sondern auch für die Nahrungsversorgung der Welt sind, erklärt David Pflegler von GreenTrax.

Hallo David, stell dich doch bitte kurz vor.

Hi. Ich verantworte bei GreenTrax das Business Development, bin aber auch stark mit der Produktentwicklung und dem Austausch mit den entsprechenden Behörden wie dem Umweltbundesamt und dem Umweltministerium beschäftigt. Zuvor war ich tätig für die Energieagentur Baden-Württembergs und als Doktorand am Karlsruher Institut für Technologie am Lehrstuhl für Energiewirtschaft und hatte mich dort bereits intensiv mit der THG-Quote beschäftigt. Damals ging es allerdings um die Herstellung von grünem Wasserstoff und sogenannten RFNBO (renewable fuels of non-biological origins) – also strombasierten Flüssigkraftstoffen. Bei GreenTrax steht die THG-Quote für mich zwar erneut im Fokus, dieses mal jedoch ausschließlich für Strom geladen in Elektrofahrzeugen.

Bitte erkläre kurz was Biokraftstoffe bzw. Agrokraftstoffe sind.

Biokraftstoffe – Kritiker sprechen auch häufig von Agrokraftstoffen – sind Kraftstoffe für den Verkehr, die aus Anbau- und Futtermittel-Pflanzen produziert werden. Teilweise kommen auch forst- und landwirtschaftliche Rest- und Abfallstoffe zum Einsatz. Je nach genutztem Rohstoff unterscheidet man grundsätzlich zwischen konventionellen und fortschrittlichen Agrokraftstoffen.

Biokraftstoffe hören sich zunächst an, als wären sie ein großer Vorteil für die Umwelt. Was hältst du davon?

Wenn ich mich zwischen den Begriffen Agrokraftstoff und Biokraftstoff entscheiden müsste, würde ich nur noch von Agrokraftstoff sprechen, da der Begriff Biokraftstoff auch in die Irre führen kann und Nachhaltigkeit und Umweltschutz suggeriert. Selbstverständlich gibt es eine Vielzahl an Herstellungsprozessen, daher ist eine pauschale Verurteilung von Agrokraftstoffen problematisch. Vor allem ist es wichtig, ob bei der Produktion z.B. Palmöle oder Soja eingesetzt werden, die beispielsweise in Indonesien zu massiver Abholzung des Regenwaldes führen oder Pflanzen, die grundsätzlich auch zur Lebensmittelherstellung genutzt werden könnten – wie Getreide. 

Grundsätzlich ist die Nutzung von Biomasse jedoch sehr fragwürdig, da am Ende ohnehin der größte Teil der wertvollen Energie in Form von Abwärme im Verbrennungsmotor verloren geht – auf Kosten von Welternährung und ironischerweise auch auf Kosten des Klimaschutzes. Hier steht uns mit der Elektromobilität eine Technologie marktreif zur Verfügung, bei der der größte Teil der Energie auch dort landet, wo er gebraucht wird: in der Fortbewegung von Menschen und Gütern.

Der Staat fördert Agrokraftstoffe – welche Vor- und Nachteile siehst du dahinter?

Die Nutzung von Agrokraftstoffen war zunächst ein vielversprechender Ansatz, um die bestehende Abhängigkeit von fossilen Kraftstoffen zu reduzieren und damit auch die Treibhausgas-Emissionen. Gleichzeitig war von Anfang an klar, dass diese den Gesamtbedarf in Deutschland nicht werden ersetzen können. Aktuell gibt der Staat feste Beimischungsquoten von 5 bis 10 % Bioethanol für Benzin und 7 % Biodiesel vor. Diese Beimischungsquoten sollten meiner Meinung nach bereits in Kürze reduziert werden. Dies hätte gleich mehrere Vorteile: Ab 2023 dürfen in Deutschland ohnehin keine palmölbasierten Kraftstoffe mehr eingesetzt werden. Damit würde also verhindert, dass die entstehende Lücke zwischen Mindestmenge und Angebot mithilfe anderer fragwürdiger Agrokraftstoffe geschlossen wird. Gleichzeitig erhöht sich aber in den Folgejahren die THG-Quote von 7 % auf 8 % in 2023 und auf 9,25 % in 2024. 

Die Notwendigkeit, Emissionen fossiler Kraftstoffe weiter auszugleichen, erhöht sich damit. Hier kommt Strom genutzt in Elektrofahrzeugen zum Zug. Die Strom-Quoten verdrängen einen Teil der Biokraftstoffe und dadurch wird die Elektromobilität durch die fossile Industrie finanziell entlastet. Um die Elektromobilität zusätzlich zu fördern und gleichzeitig andere Optionen unattraktiver zu machen, fordern wir bei GreenTrax eine Erhöhung der Mehrfachanrechnung von Strom auf den Faktor vier. Die gesetzlich vorgegebene THG-Quote kann damit weiterhin eingehalten werden – ohne dass die oben genannten Probleme der Agrokrafstoffe auftreten. 

Dabei ist es mir wichtig darauf hinzuweisen, dass der Mechanismus der THG-Quote nicht mit Emissionshandelssystemen wie dem EU ETS verwechselt wird. Die THG-Quote sorgt nicht direkt dafür, dass weniger Emissionen im Verkehr ausgestoßen werden, aber belastet die Mineralölindustrie finanziell, und entlastet damit direkt die Elektromobilität.

Der Krieg in der Ukraine führt zur Preiserhöhung und Verknappung von Nahrungsmitteln. Denn die Ukraine und auch Russland gehören zu den global wichtigsten Exporteuren von Weizen, Gerste, Mais und Sonnenblumenöl. Wie genau hängt das mit Biokraftstoffen zusammen?

Bioethanol basiert sehr häufig auf Getreide wie Weizen, Biodiesel dagegen häufig auf Palmöl und Sonnenblumenöl. Laut einer Studie der Deutschen Umwelthilfe entfallen 40 % des in Deutschland genutzten Bioethanols auf Getreideimporte aus der Ukraine. Beim Sonnenblumenöl entfallen 60 % der weltweiten Produktion auf die beiden Länder Ukraine und Russland. Unsere Agrokraftstoffindustrie ist also auf Importe aus diesen Ländern angewiesen und jetzt gezwungen, anderen Bezugsquellen zu suchen. Aufgrund der hohen Zahlungsbereitschaft der Deutschen für Kraftstoffe droht hiermit auch eine Verdrängung der Nutzung für Lebensmittel für ärmere Länder.

Die Deutsche Umwelthilfe protestierte erst kürzlich vor dem Bundesumweltministerium mit der Initiative “Kein Essen in den Tank”. Dabei fordern sie die Bundesregierung dazu auf, die Förderung von Agrokraftstoffen auszusetzen. Wie stehst du dazu?

Die Aussage “Kein Essen in den Tank” kann ich zu hundert Prozent unterstützen. Natürlich muss im Einzelfall genau berücksichtigt werden, ob es sich bei den Agrokraftstoffen auch um Lebensmittel handelt, oder nicht doch um Abfall- oder Reststoffe, da hier die Nutzenkonkurrenz vermutlich deutlich geringer sein wird.

In einer Zeit, in der sich im Straßenverkehr die Elektromobilität rasant durchsetzt, und ein Krieg zwischen Russland und der Ukraine die Ernährung der Weltbevölkerung bedroht, kann es jedoch nicht sein, dass Lebensmittel völlig ineffizient in unseren Autos – im wahrsten Sinne des Wortes – verbrannt werden.

Was würde die Aussetzung von Agrokraftstoffen bewirken?

Eine abrupte Aussetzung hätte erhebliche Folgen für die Agrokraftstoffindustrie. Gleichzeitig erhöht sich der Druck auf die Mineralölindustrie andere Quellen zu nutzen, um der Verpflichtung zur THG-Minderung nachzukommen. Dadurch erwarten wir bei GreenTrax grundsätzlich einen positiven Einfluss auf die Quotenpreise für Strom. Kritiker der THG-Quote behaupten, dass man auf den Verkauf von Quoten durch Strom verzichten solle, um damit die Preise und die finanzielle Belastung der fossilen Industrie zu erhöhen. Hierbei wird jedoch häufig vernachlässigt, dass sich die Behörde vorbehält, nicht in den Markt gebrachte THG-Quoten durch Strom über eine Auktion zu veräußern. Damit stünden am Ende dennoch diese THG-Quoten zum Kauf, mit dem Unterschied, dass nun der Staat über die Gelder verfügt. 

Mit Fairnergy – unserer Endkundenmarke – möchten wir E-Mobilisten daher ermuntern, auf Ihre Quote nicht zu verzichten, um damit gezielt beispielsweise unsere nachhaltigen Partner zu unterstützen. Es gibt noch einen weiteren Nachteil, seine Quoten nicht zu vermarkten: Strom und Biokraftstoffe stellen für die Mineralölindustrie nur einen Teil der Möglichkeiten dar, die THG-Minderung zu erfüllen. Daneben gibt es beispielsweise noch den Einsatz von grünem Wasserstoff im Raffinerieprozess oder die Nutzung von grünem Strom zur Produktion von Flüssigkraftstoffen. In beiden Fällen landet jedoch kostbarer grüner Strom in Flüssigkraftstoffen und wird damit letztendlich zu nahezu nutzloser Abwärme verbrannt. Hohe Preise für Strom-Quoten könnten also dazu führen, dass Grünstrom in der fossilen Industrie verbraucht wird und nicht der Elektromobilität zur Verfügung steht.

Welche Alternativen gibt es nach der Aussetzung von Agrokraftstoffen zu fossilen Kraftstoffen?

Kurzfristig gibt es leider keine marktreife Option, die bestehende Verbrenner-Flotte auf erneuerbare Flüssigkraftstoffe umzustellen. Daher ist es jetzt umso wichtiger, die Elektromobilität – sei es durch Neufahrzeuge oder durch Retrofit – noch rascher zum Erfolg zu führen. Wenn die Erlöse oder die Spenden unserer Kunden aus der THG-Quote hierzu einen Beitrag leisten, dann haben wir am Ende einiges richtig gemacht. Insgesamt sollte aber auch die Flotte reduziert werden. Hierzu bedarf es ganz neuer Mobilitätskonzepte, die vor allem im urbanen Raum den Individualverkehr – wie wir ihn kennen – ersetzt.

Vielen Dank für deinen Input zu diesem wichtigen Thema!

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